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Ein Recht auf Respekt – unabhängig vom Gewicht


Andrea Forgacs und Melanie Dellenbach setzen sich aktiv gegen die Diskriminierung von dicken Menschen ein. (Bild Pia Neuenschwander)

Andrea Forgacs und Melanie Dellenbach setzen sich aktiv gegen die Diskriminierung von dicken Menschen ein. (Bild Pia Neuenschwander)

Frauenland 04 I 06.08.2020

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In der Theorie haben wir in der Schweiz alle ein Recht auf körperliche Autonomie, Würde und Respekt. Im Alltag erleben dicke Menschen das oft anders. Sie werden diskriminiert, dämonisiert und bevormundet. Das möchten Melanie Dellenbach und Andrea Forgacs mit ihrer Arbeit verändern.

 

Publikationsdatum: 12.08.2020 / 08:00
Autorin: Cornelia von Däniken

Der Gesprächs- und Fototermin beginnt mit einem ungewöhnlichen Wunsch. «Macht uns mit dem Bildbearbeitungsprogramm bloss nicht schlanker», bittet Melanie Dellenbach. Sie erklärt auch gleich warum: Ein deutsches Magazin hatte einen Artikel über dicke Frauen geplant. Die Redaktion retuschierte die Fotos aber so, dass die Figuren der Frauen «Sanduhrform» hatten – mit deutlicher Taille.

Genau das wollen Melanie Dellenbach und Andreas Forgacs nicht: So tun als ob. Einer Vorstellung entsprechen müssen. Sich schlecht fühlen, weil man ist, wie man ist. Die beiden Frauen sind «Body-Respect-Aktivistinnen», mit verschiedenen Schwerpunkten.

Den Menschen akzeptieren

Melanie Dellenbachs Hauptanliegen ist, die Schweiz für die Themen Gewichtsstigmatisierung und -diskriminierung zu sensibilisieren. Die gelernte Pflegefachfrau betreibt eine Website, hält Vorträge und organisiert Workshops. Ihr längerfristiges Ziel ist, dass das Land von seinem «gewichtsnormativen Blickwinkel» wegkommt. Dazu braucht es eine neue «Kultur des Körperrespekts», in der man dicke Menschen so unterstützt, wie sie sind. 

«Mich stört die Idee, dass Menschen einer Norm entsprechen müssen.»
Andrea Frogacs

Bei Andrea Forgacs steht die Körper-Akzeptanz und -Vielfalt im Zentrum. Die Künstlerin hat sich mit Illustrationen von üppigen Frauen eine Fangemeinde aufgebaut. «Mich stört die Vorstellung, dass Menschen einer Norm entsprechen müssen.» Sie engagiert sich dafür, sich von diesem Denkkonzept zu befreien und die Realität seines Körpers zu akzeptieren.

Beide betonen, dass ihre Anliegen auch für Menschen mit anderer Hautfarbe gelten. Oder mit einer Behinderung. Oder für all jene, die wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Melanie Dellenbach: «Jeder hat ein Recht auf Körper-Autonomie. Das Recht, mit Würde behandelt zu werden, in jeder Situation des Lebens. Im Alltag, in den Medien, beim Arzt.»

Dicke Menschen erleben dies oft anders. Das fängt bei der Sprache an: Begriffe wie «Übergewicht» oder «Adipositas» implizieren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Doch wie formuliert man neutral? «Hochgewichtig ist ein neutraler Ausdruck», erklärt Melanie Dellenbach. «Dick und fett sind Selbstbezeichnungen, um sich diese Wörter zurückzuerobern.»

Das Gewicht ist immer Thema

Beide Frauen kennen die prüfenden bis abschätzigen Blicke der Umwelt, wenn sie unterwegs sind, auch bei einem Arztbesuch. So manche medizinische Fachperson geht fast schon reflexartig davon aus, dass eine dicke Person wegen ihres Gewichts in die Praxis kommt. Frei nach dem Motto: Das muss ja ein Problem sein. Das Gewicht kommt aufs Tablett, egal warum man sich in der Praxis angemeldet hat.

Andrea Forgacs erlebte als 14-jähriger Teenager, dass sie mit einer Hauterkrankung zum Arzt ging und der sie nach fünf Minuten aufforderte, eine Schlankheitsdiät zu machen. «Das sind Erlebnisse, die schon für Erwachsene hart sind. Doch in dem Alter sind sie richtig einschneidend und bleiben lange haften.»

Sich beim Arzt abgewertet fühlen

«Die Leute machen sich meistens sofort ein Bild über mich und meine Gesundheit, wenn ich den Raum betrete. Sie haben Vorurteile», weiss auch Melanie Dellenbach. «Obwohl ich diplomierte Pflegefachfrau bin, verursacht mir ein Arztbesuch daher Stress. Denn ich weiss nie, ob ich mich nachher schlechter fühle.»

Das hat Konsequenzen. Zum einen zeigen Studien, dass dicke Menschen Arztpraxen meiden und Vorsorgeuntersuchungen hinauszögern. Aus Angst vor Vorhaltungen wegen des Gewichts. Weil sie befürchten, man nimmt sie nicht ernst.

Überholte Vorstellungen

Auch heute noch sprechen viele medizinische Fachpersonen dicke Menschen wieder und wieder auf ihr Gewicht an. Meist in der Annahme, das gehöre zur Gesundheitsförderung. Melanie Dellenbach: «Was man tatsächlich macht, ist, jemanden herabzusetzen. Das ist der falsche Weg.»

In Sachen Gewicht und Gesundheit gilt der BMI, der Body-Mass-Index, als Mass aller Dinge. Allerdings steht er seit Jahren in der Kritik. Entwickelt wurd der BMI 1832 für rein statistische Vergleiche. «Der BMI sagt nichts über die Gesundheit aus oder über die Muskelmasse einer Person. Die Leute werden damit in Kategorien gesteckt, ohne sie näher anzuschauen», sagt Andrea Forgacs.

Dünn ist nicht gleich gesund

Denn dick bedeutet nicht gleich ungesund. Dünn heisst nicht automatisch gesund. Zum Gesundbleiben gehören viele Aspekte, zum Beispiel genügend Schlaf, ein Hobby, Freunde, die Qualität der Nahrungsmittel und Bewegung. Täglich auf die Waage stehen gehört nicht dazu. Schlankheitsdiäten ebenso wenig.

Diäten können zwar kurzfristig Erfolg bringen. Doch inzwischen belegen Zahlen, dass das Gewicht bei den meisten nach fünf Jahre wieder mindestens so hoch ist wie zuvor. «Schlankheitsdiäten helfen nicht, sie sind nur ein Riesen-Business», weiss Melanie Dellenbach aus ihren Recherchen.

Vorurteile bei der Jobsuche

Auch bei der Stellensuche merken dicke Menschen, dass ihnen Vorurteile entgegenschwappen. Personalverantwortliche unterstellen ihnen oft, sie seien langsam, faul, wenig diszipliniert – oder nicht repräsentativ für ein Unternehmen. Das hat Einfluss auf das Berufsleben, das Einkommen und die Psyche.

Andrea Forgacs: «Wenn du immer gesagt bekommst ‹du machst nicht genug›, verinnerlichst du das irgendwann.» Sie spricht aus Erfahrung: Es gab Jobs, bei denen sie monatelang zwölf Stunden am Tag arbeitete. Über Mittag ging sie joggen. «Obwohl es mir überhaupt keinen Spass machte. Aber ich wollte beweisen, dass ich nicht ‹faul› war, immer und immer wieder.»

Inneres Feindbild

Viele dicke Menschen kämpfen nebst für Akzeptanz in der Aussenwelt auch gegen die innere Überzeugung, nicht gut genug zu sein. Oft legten die Eltern schon den Grundstein dafür, indem sie ihr Kind in bester Absicht wiederholt auf Diät setzen. Melanie Dellenbach: «Das hinterlässt Wunden und schwächt das Selbstbewusstsein: Ich bin nicht genügend schön, optimal, perfekt.» 

Um trotz solcher Verletzungen nicht dem Klischee der «depressiven Dicken» zu entsprechen, die allein auf dem Sofa eine Tüte Chips isst, geben sich manche betont fröhlich und stark. Das kennt Melanie Dellenbach von sich und von anderen.

Kein schlechtes Gewissen

Ein ziemlicher Druck, mit dem beide Aktivistinnen über die Jahre aber einen gelasseneren Umgang gefunden haben. Bei düsterer Stimmung kuschelt sich Melanie Dellenbach inzwischen ohne schlechtes Gewissen mit einer Schachtel Guetzli auf dem Sofa und gönnt sich eine Runde Netflix. «Ich bin deshalb nicht weniger wert als eine dicke Person, die für einen Marathon trainiert. Kein Drama.»

Akzeptanz bedeutet nicht Werbung

Andrea Forgacs erzählt, dass sie noch heute manchmal frustriert in einer Umkleidekabine steht. Dass sie ein Stück Kuchen nicht immer geniessen kann. Dass sie sich beim Gedanken ertappt «ich will nicht dicker werden». «Doch inzwischen bin ich mir solcher Gedanken bewusst. Ich kann mir meine Regeln selber aufsetzen und dann schauen, ob ich darunter leide. Oder ob sie mir helfen, so zu leben, wie ich möchte.»

Ist diese Haltung nicht fahrlässig?  Öffentlich zu proklamieren, dass man aufgehört hat, Diäten zu machen? Diese Frage hören die Aktivistinnen öfter. Andreas Forgacs schüttelt den Kopf. «Als ob wir fürs Dick-Sein Werbung machen würden und alle so sein sollen. Das ist genauso unlogisch, wie wenn ich sage, ich bin lesbisch. Das ist einfach eine Tatsache. Das heisst nicht: Ich will das alle lesbisch werden.»

Dicke Menschen als Provokation

Schlank sein gilt als ideal. Das Gespür, was einem beim Essen guttut, haben aber viele verloren. Essstörungen nehmen zu, unabhängig vom Gewicht und sogar bei Kindern. Die Kehrseite des Strebens nach dem Ideal: Menschen, deren Körper nicht der gängigen Vorstellung entsprechen, werden oft als Provokation betrachtet. Sie sind Zielscheibe von Witzen und Pöbeleien.

Das hat Melanie Dellenbach kürzlich unter den Lauben mitten in der Stadt Bern wieder erlebt. Ein Trottifahrer kreuzte sie, drehte um, fuhr nochmals auf sie zu und rief:  «Chunnsch vom Fitness?» «Natürli, woher denn susch», antwortete die Bernerin und lachte ihn an. Der Trottifahrer zog schweigend von dannen. «Ich hatte einen guten Tag. Doch mit so etwas muss ich immer rechnen. Das stresst, vor allem, wenn es einem nicht so gut geht.»

«Wenn man das Leben immer nur auf dünnere Zeiten verschiebt, lebt man nie.»
Melanie Dellenbach

Mit ihrer Arbeit möchten die Aktivistinnen aufklären und Betroffenen Mut machen. Melanie Dellenbach plante für nächstes Jahr, den ersten Schweizer Body-Respect-Tag durchführen. Doch mit der Corona-Pandemie ist vieles unklar. Zudem engagiert sie sich dafür, dass in der Schweiz Gewichtsdiskriminierung zum Thema gemacht wird. Und sie will einen Schweizer Body-Respect-Verein aufbauen. «Damit man sieht, wie vielseitig dicke Menschen sind.»

Als Künstlerin geht Andrea Forgacs einen anderen Weg: Sie hofft, dass mit jeder Geschichte, die sie in Wort und Bild weitererzählen darf, sich vielleicht eine Person überlegt «Ich darf meinen Körper gern haben wie er ist.» Oder ihn zumindest akzeptieren. «Die Geschichten sollen inspirieren. Und zeigen, dass man nicht allein ist. Und Spass haben darf.» Melanie Dellenbach: «Denn wenn man das Leben immer auf dünnere Zeiten verschiebt, lebt man nie.»

Melanie Dellenbach

Melanie Dellenbach (36) war schon im Alter von zehn Jahren «etwas pummeliger». Mit 17 versuchte sie erstmals, mit extremen Diäten abzunehmen. Stattdessen legten sie Gewicht zu. «Ich hatte immer das Gefühl, mein Leben fängt erst an, wenn ich dünn bin. Das war das Grundproblem.» Sie machte eine Ausbildung als Pflegefachfrau und arbeitete viel.

Phasenweise ging es ihr psychisch schlecht. «In solchen Zeiten gab ich meinem dicken Körper die Schuld daran. In guten Zeiten lebte ich einfach.» Mit den Diäten geriet sie in einen Teufelskreis. Mit 24 war sie an einem Tiefpunkt und begab sich in eine Psychotherapie. «Da habe ich erstmals gemerkt: Ich bin wertvoll so wie ich bin. Ich bin eigentlich eine tolle Person.»

Da Melanie Dellenbach Mode schon immer mochte, startete sie im Jahr 2011 einen Plus-Size Mode-Blog. «Ich habe mit dem Blog viel Schönes erlebt.» So war sie an der «Full Figured Fashion Week» in New York, einer Modewoche speziell für üppige Figuren. Und sie lernte in Los Angeles das berühmte Plus Size Modell Tess Holiday kennen. «Es war einfach cool, in den USA mit dicken Frauen unterwegs zu sein, die alle toll angezogen waren.»

Melanie Dellenbach schloss Frieden mit ihrem Körper. Sie heiratete, tanze viel, bekam eine Tochter. Ihr Plan, den Mode-Blog zu professionalisieren, klappte in der kleinen Schweiz nicht. Dann kam eine Anfrage, ob sie bei einer Interview-Reihe über Fett-Aktivisten in verschiedenen Ländern mitmachen wolle. Zuerst lehnte sie ab. «Doch dann sagte ich mir, wenn ich es nicht mache, ist niemand aus der Schweiz dabei.»

Sie recherchierte wochenlang über die Situation von dicken und hochgewichtigen Menschen. «Und dabei hat es mich gepackt.» Mit «Yes2bodies.ch» gründete Melanie Dellenbach ein Projekt zum Thema «Körperrespekt und Körpervielfalt.» «Es ist für mich manchmal schwer, mich täglich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Doch meine siebenjährige Tochter soll in einer Welt aufwachsen können, in der Körperrespekt ein Thema ist. Die Schweiz ist reif dafür.»

www.yes2bodies.ch

Andrea Forgacs

«Ich war schon in der Schule dick und wurde gemobbt», erzählt Andreas Forgacs (35). In ihrer Familie bekam sie ebenfalls zu spüren, dass sie als «Mensch mit mehr Gewicht», weniger wert ist. Lange trug die Illustratorin dieses Gefühl auch als Erwachsene mit sich herum. Sie trieb viel Sport und arbeitete noch mehr, um nicht als «faul» zu gelten. «Ich versuchte im Aussen, Akzeptanz zu bekommen.»

Vor einigen Jahren begann sie, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. «Ich kam immer eher laut und lustig daher. Doch im Innern fühlte ich mich nie so.» Sie stand zu ihren Gefühlen und Gedanken, outete sich und machte sich selbstständig. «Ich habe eine neue Lebensrealität geschaffen, ausserhalb der Norm. Ich lernte dabei, dass es auch eine andere Körperrealität als die Norm gibt.»

Auf ihrer Website bezeichnet sich Andrea Forgacs als «stolze queere, dicke und feministische Künstlerin, Geschichtenerzählerin und Mentorin». Sie lebt mit ihrer Verlobten und ihrem Hund in einem Van und ist ständig unterwegs.

Ihr neustes Projekt heisst «Body Stories», Körpergeschichten. Die Idee dahinter: Den Körper zu feiern, indem man seine Geschichte erzählt, in Wort und Bild. «Das zelebriere ich in all meinen Werken.»

www.de.andreaforgacs.com

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