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Der Laden bleibt im Dorf


Anne Bernasconi hat ihr Büro mitten im neuen Dorfladen in Frauenkappelen. Sie wollte etwas für Umwelt und Nachhaltigkeit tun. «Bei diesem Job lerne ich täglich dazu», sagt sie. (Bilder Cornelia von Däniken)

Anne Bernasconi hat ihr Büro mitten im neuen Dorfladen in Frauenkappelen. Sie wollte etwas für Umwelt und Nachhaltigkeit tun. «Bei diesem Job lerne ich täglich dazu», sagt sie. (Bilder Cornelia von Däniken)

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Kleine Läden haben es schwer, vor allem auf dem Land. Doch in einer ganzen Reihe von Gemeinden wird mit viel Engagement der Dorfladen am Leben erhalten oder sogar ein neuer gegründet. Vier Frauen erzählen von ihren Dorfladen-Projekten.

 

Autorin: Cornelia von Däniken
Publikationsdatum09.10.2020 / 08:30

Ein Kleinkind räumt an einem niedrigen Tisch Klötzchen aus einer Kiste. Zwei junge Mütter lassen plaudernd Kaffee aus dem Automaten. An der Käsetheke bestellt ein älterer Herr «Belper Knollen» für ein Familienessen. Und mittendrin steht der «Büro- und Genossenschaftstisch».

Hier arbeitet Anne Bernasconi an ihrem Laptop. «Unser neuer Dorfladen kommt an», sagt die 43-jährige Betriebswirtschafterin und Kommunikationsspezialistin. Früher arbeitete sie für Umweltorganisationen. Heute leitet sie den Laden in Frauenkappelen BE und ist im Vorstand der Genossenschaft, die dahintersteht. «Eigentlich wollte ich nur bis zur Eröffnung mithelfen. Doch dann hat es mir den Ärmel reingenommen.»

Frauenkappelen mit rund 1200 Einwohnern ging es vor einigen Jahren wie vielen kleinen Landgemeinden: Der alteingesessene «Tante-Emma-Laden» schloss, und keine der Nachfolgelösungen bewährte sich längerfristig. «Doch ohne Dorfladen fehlte mir Lebensqualität.»

Der Treffpunkt fehlt

Das ergab auch eine Umfrage des Ortsvereins. Zudem wünschten sich die Einwohner von Frauenkappelen einen Treffpunkt. Im Frühling 2019 wurde daher eine Dorfladen-Genossenschaft gegründet. Um den Start des Ladens zu finanzieren, konnten alle Einwohner 100-Franken-Anteilsscheine an der Genossenschaft erwerben. Die Idee kam an: bis heute liegen 250 Beitrittserklärungen vor.

Anfang Jahr eröffnete der Dorfladen in hellen Räumen in einem Neubau. Die Philosophie dahinter heisst «gäbig», «guet» und «gmüetlech»: Hier findet man alles für den täglichen Bedarf. Aber auch Sandwiches für Berufstätige. Als «Herzstück» bezeichnet Anne Bernasconi die offene Käsetheke mit vielen Spezialitäten aus den umliegenden Orten. Früchte und Gemüse stammen ebenfalls rund 80 Prozent aus der Region. Fleisch wird direkt vom Bauern bezogen oder von einer nahen Metzgerei. Und ein lokaler Bierbrauer bringt seine Produkte mit dem Velo.

Im Dorfladen Frauenkappelen können einige Lebensmittel auch selbst abgefüllt werden.

Der Laden bietet zudem eine Kaffee-Ecke und 14 Gestelle zum Mieten: Dort können regionale Produzenten ihre Waren anbieten, von Blumenkreationen über Töpferwaren bis zu Babykleidung. Rentiert sich das Konzept? «Wir brauchen durchschnittlich 2500 Franken Umsatz pro Tag», erklärt Anne Bernasconi. «Bisher funktioniert es.» Doch ohne die 15 freiwilligen Helfer ginge es nicht, die regelmässig einen halben Tag im Laden mithelfen. Denn pro Schicht müssen immer zwei Personen vor Ort sein, sonst lässt sich die Arbeit nicht bewältigen.

Kein Thema sei es für die Kunden, dass die vergleichbaren Standardprodukte im Dorfladen meist zehn bis fünfzehn Prozent teurer seien als beim Grossverteiler. «Den Mehrpreis akzeptieren sie. Dafür sparen sie Zeit und Kilometer und finden hier regionale Spezialitäten, die es beim Grossverteiler nicht gibt.»

Damit das Dorf lebt

Wie aufwendig es sein kann, einen Dorfladen am Leben zu erhalten, weiss auch Ursi Häusermann (68). Seit 18 Jahren ist sie im Vorstand des Vereins «Produktionsland Bäsibüre.» «Wir wollten den Dorfladen langfristig erhalten und dort lokale Produkte präsentieren und verkaufen», so die Zielsetzung des Vereins. Auch im 600-Seelen-Dorf Besenbüren AG schloss der frühere Dorfladen die Türen endgültig und die Nachfolge-Lösungen scheiterten. Also nahmen die Besenbürer die Sache selbst in die Hand. «Wir wollten nicht, dass der Ort zur Schlafgemeinde wird. Ohne Laden stirbt das Dorf.»

Der Verein startete in den Räumen des alten Ladens, mit grosszügigen Öffnungszeiten und vielen Aktionen: Von heissen Gnagi über Wine and Cheese, Raclette-Degustation und frischen Teigwaren bis zum jährlichen Dorfladenfest – die Liste ist lang. «Wir haben alles probiert und uns auch beraten lassen.»  Doch der Umsatz blieb klein. 2012 schrillten beim Vereinsvorstand daher die Alarmglocken. In einer ausserordentlichen GV wurde beschlossen, dass Angebot aus Kostengründen massiv zu reduzieren. Heute ist der Laden von Montag bis Samstag nur noch von acht bis zehn Uhr morgens geöffnet. Eine neue Heimat fand er in den Räumen einer ausgedienten Auto-Werkstatt.

Ursi Häusermann engagiert sich für das «Produktionsland Bäsibüre». Für die Produkte aus der Region hat der Verein ein eigenes Logo entworfen. 

Neben Alltagsbedarf gehört ein kleines Angebot an handgefertigten Produkten wie Babyhosen, Karten oder Wollsocken dazu. Dazu kommen die Spezialitäten des «Produktionsland Bäsibüre»: Zum Beispiel Würste, Honig, Peperoncini-Sauce, Balsamico-Essig oder getrocknete Pilze. Wichtig ist auch der grosse Tisch, an dem man sich zu einem Kaffee trifft oder an dem auch mal Bastelkurse abgehalten werden.

Im Laden steckt viel Herzblut, viel Geld verdient aber niemand dabei. Die vier Ladenfrauen erhalten einen Stundenlohn von gerade mal zehn Franken, Reserven hat der Verein kaum. Für Ursi Häusermann ist aber klar: «Uns liegt etwas am Dorf Besenbüren. Daher machen wir weiter, solange wir nicht in die roten Zahlen rutschen.»

Grosses Tal mit kleinen Läden

Gleich drei Läden betreut Sonja Pfarrmaier. Denn zum bündnerischen Safiental gehören zwar rund 150 Quadratkilometer sowie sechs früher eigenständige Gemeinden und einige Weiler. Doch bewohnt wird es nur von knapp 1000 Menschen.

Getragen werden die drei Läden von einer Genossenschaft. «Das Grundsortiment ist bei allen gleich», erklärt Sonja Pfarrmaier. «Aber jeder Laden kennt die Vorlieben vor Ort und kann auf Sonderwünsche eingehen. Das schätzen die Kunden.»  So werden auch mal kurzfristig Ohropax organisiert, wenn ein Älpler wegen des Generators nicht schlafen kann. Zudem bieten die Läden lokale Spezialitäten an, wie etwa Birabrot, Würste, Nusstorten, oder Sirup. Das kommt nicht zuletzt bei den Touristen an.

Lokale Spezialitäten aus dem Safiental kommen auch bei den Touristen an.

Wie andernorts auch, wurden die Dorfläden während des Corona-Lockdowns vermehrt genutzt und der Heimlieferdienst kam gut an. Doch mit den Lockerungen änderte das Einkaufsverhalten wieder. Zu gross sind die Versuchungen der Grossverteiler im 30 Minuten entfernten Ilanz und des Internets.

Neuer Job, neue Heimat

Sonja Pfarrmaier hat ihren Job erst Anfang Jahr angetreten. Den grössten Teil ihres Lebens verbrachte sie im zürcherischen Thalwil. «Die Surselva liebe ich von vielen Jahren Ferien», erzählt die 54-jährige Mutter einer erwachsenen Tochter. Als sie im 24-Seelen-Weiler Brün ein Haus fand und in Ilanz auch gleich eine Stelle als Kundenberaterin bei einer Raiffeisenbank, zog sie ganz in die Bündner Berge. «Ich erfüllte mir damit einen Herzenswunsch und fand hier oben sogar eine neue Liebe.»

Von Luzia Zinsli, ihrer jetzigen Arbeitskollegin, hörte sie, dass die Dorfläden eine neue Leiterin suchten. «Das reizte mich, obwohl ich wusste, dass es nicht einfach werden würde.» Denn auch die Dorfläden Safiental sind finanziell nicht auf Rosen gebettet und müssen um ihre Existenz kämpfen.

Silvia Pfarrmaier, links, leitet die drei Dorfläden im abgelegenen Safiental. Ihre heutige Arbeitskollegin Luzia Zinsli machte die gebürtige Zürcherin auf die Stelle aufmerksam.

Neben der Büroarbeit steht Sonja Pfarrmaier an den drei Standorten regelmässig im Laden. «So lerne ich die Leute kennen.» Denn die Kunden nutzen die Dorfläden auch als Begegnungsort genutzt. Das Team setzt daher auf persönliches Engagement statt auf Billigstpreise. So öffnet

Sonja Pfarrmaier die Ladentür auch mal ausserhalb der Öffnungszeiten, wenn jemand an die Scheibe klopft. «Auf Bestellung können wir fast jeden Kundenwunsch erfüllen. Das unterscheidet uns vom Grossverteiler und damit können wir punkten.»

Das Dorf schmeisst den Laden

Ohne das Engagement von Freiwilligen hätte der 900-Seelen Ort Mittelhäusern BE schon seit dreieinhalb Jahren keinen Dorfladen mehr. Auch die Post war weg, das Restaurant, die Käserei. Es gab nichts mehr. Auch hier zeigte eine Umfrage, dass den Einwohnern zumindest ein Dorfladen ein Anliegen war.

«Also gründeten wir einen Dorfladen-Verein», sagt Helen Duhm, Seelsorgerin, Mutter von drei kleinen Kindern und von Anfang an im Vorstand. Es schrieben sich 107 Mitglieder ein, die alle 100 Franken Beitrag zahlen. Schon wenige Monate später eröffnete das «Lädi», gleich beim Bahnhof.

Das Sortiment beschränkt sich vorwiegend auf Frischwaren wie Brot, Eier, Milch und Käse, Früchte und Gemüse sowie einige Spezialitäten. «Wir wollen die Grundversorgung sicherstellen und bewusst eine Plattform für lokale und regionale Produzenten bieten», erklärt Manuschak Karnusian. Die Kommunikationsfachfrau gehört zur fünfköpfigen Betriebsgruppe, die sich um die praktischen Belange des Ladens kümmert.

Manuschak Karnusian, links, und Helen Duhm engagieren sich für den Verein, der das «Lädi» im bernischen Mittelhäusern betreibt.

Auch die Öffnungszeiten sind eingeschränkt: je zwei Stunden am Montag-, Mittwoch- und Freitagnachmittag zu den Pendlerzeiten sowie am Samstag-Vormittag. Vereinsmitglieder können sich allerdings rund um die Uhr  selbst im Laden eindecken, sofern sie eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnen. Möglich macht dies ein elektronisches Schliess- und Bezahlsystem.

Bargeldlos bezahlen

Denn das «Lädi» setzte von Anfang an auf «Cyclos», ein bargeldloses Zahlsystem, speziell entwickelt für Non-Profit-Organisationen. Es funktioniert über eine App auf dem Smartphone und ein zuvor einbezahltes Guthaben. Eine weitere App öffnet die Tür des Ladens. «Das System kommt gut an, auch bei älteren Leuten», so Manuschak Karnusian. «Und wer kein Smartphone hat, kann die Tür mit einer Karte öffnen und damit auch bargeldlos bezahlen.»  

Während der regulären Öffnungszeiten ist immer eine Freiwillige im Laden, so ist auch Barzahlung möglich. Zudem konnte der Verein zwei Teilzeit-Mitarbeiterinnen einstellen, die ein 40-Prozent-Pensum abdecken.

Das «Lädi» ist in Mittelhäusern etabliert, hat sich zum Treffpunkt gemausert. Der jährliche Vereinsbeitrag den die mittlerweile 120 Mitglieder entrichten, deckt die Miete. Die übrigen Kosten werden knapp durch den Verkauf gedeckt. Nicht zuletzt aber ist der Laden ein Gemeinschaftsprojekt der Dorfbevölkerung. Helen Duhm: «Dadurch haben sich Menschen kennengelernt, die sich sonst nie getroffen hätten.»

Einkaufen auf dem Land

Verschiedene Detailhandelsketten sind auch auf dem Land aktiv. Das grösste Netz hat die Fenaco-Tochtergesellschaft Volg mit 587 Dorfläden. Zur Spar-Gruppe gehören 186 «Nachbarschaftsmärkte». Die Migros-Tochter Voi betreibt derzeit Läden an 58 Standorten.

Daneben gibt es nach wie vor freischaffende Detaillisten. «Einige Läden passen nicht ins Konzept der Ketten», weiss Hans Maurer. Er gehört zu den Gründern des Detaillistenverbundes «Treffpunkt». Eine Handvoll Detaillisten gründeten die Genossenschaft vor 15 Jahren, als die deutsche Rewe-Gruppe das Schweizer Einkaufs- und Logistikunternehmen Usego kaufte.

Die Organisation beliefert unabhängige Läden in der ganzen Schweiz und unterstützt sie beim Marketing. «Für manche Betreiber ist das Franchising-Konzept zu eng. Sie wollen nicht wie ein Filialleiter behandelt werden, der dann doch das volle Risiko trägt. Bei uns gibt es hingegen kein Muss.» Die angeschlossenen Läden müssen weder einen fixen Umsatz garantieren, noch eine Mindestladengrösse haben oder ein vorgegebenes Sortiment verkaufen.

Derzeit gehören 62 Detaillisten dazu, Tendenz steigend. «In den letzten sieben Monaten kamen zehn neue Läden dazu.» Denn auch heute noch habe ein kleiner Laden gute Chancen, auch wenn er nicht gemeinnützig betrieben wird. «Man muss allerdings bereit sein, viel zu arbeiten. Und es etwas anders machen, als all die anderen.»

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