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Nuru lebt weiter

Nuru hiess das kleine Mädchen, um das sich Milena Schaller während ihrem Volontariat in einem Waisenhaus in Tansania kümmerte. Das ist fünf Jahre her. Heute ist Milena Schaller Vizepräsidentin ihrer eigenen Stiftung und betreibt ein Geburtshaus in Dar Es Salaam.


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Suaumo legt sich hin und macht ihren leicht gewölbten Bauch frei. Die Krankenschwester nimmt das Ultraschallgerät und führt den Kopf mit dem kalten Gel über die glatte, leicht gespannte Haut. Suaumo ist im fünften Monat schwanger und möchte wissen, ob mit ihrem Kind alles in Ordnung ist. Zur gleichen Zeit schaut Agnes in einem anderen Raum dem Arzt zu, der ihr Kind in einem grünen Stoffsack wägt.

Edward Komu derweil sitzt im Büro, brütet über der Buchhaltung und den neuesten Zahlen. Er sorgt dafür, dass das Geburtshaus und Gesundheitszentrum im Herzen von Dar Es Salaam funktionieren. Ausserdem ist er damit beschäftigt, die neueste Akquisition zu planen. Denn Nuru – so heisst die tragende Stiftung hinter dem bunten Haus – soll wachsen und gedeihen.

Nuru, so heissen in Tansania viele Kinder. Denn Nuru bedeutet auf Suaheli Licht. Und wo Licht ist, ist auch Hoffnung, Zuversicht, Perspektive. Und genau das wollen Edward Komu und Milena Schaller erreichen. Er ist der Organisator und Umsetzer; tief in Dar Es Salaam und der lokalen Kultur verwurzelt. Sie ist das Aushängeschild, der Motor und das Scharnier zwischen der Schweiz und Tansania.

Harte Realitäten

Als Milena Schaller im Sommer 2012 zum ersten Mal in Tansania landete, wusste sie noch nichts von Nuru. Sie wusste nichts von den prekären Verhältnissen vor Ort, von den grossen und kleinen Helden des Alltags, von den Sorgen und Nöten der Kinder. Sie wusste nur zwei Dinge: «Seit ich denken kann, fasziniert mich Afrika. Und ich wollte etwas Gutes für Kinder tun», sagt sie. Sie hatte damals ihre Ausbildung als Fachangestellte Gesundheit abgeschlossen und sich den Praktikumsplatz in einem tansanischen Waisenhaus von der Schweiz aus organisiert.

«Ich wusste, dass es anders sein würde als in den Büchern. Aber was ich sah, ging weit über meine Vorstellungskraft hinaus.» Im Waisenhaus wurde sie mit einer Realität konfrontiert, in der Geld, Medikamente, Spielzeuge und sogar Lebensmittel knapp sind. «Ich habe Kinder mit toten Ratten spielen sehen, weil es kein Spielzeug gab.» 

Einschneidendes Erlebnis

Es ist Herbst 2016. Milena Schaller arbeitet als Praktikantin in einem Basler Spital. Hebamme will sie werden, das Studium wird noch etwas mehr als ein Jahr dauern. Nachdenklich sitzt sie an einem kleinen dunkelbraunen Tisch in einem Restaurant nahe dem Hauptbahnhof.

«Zwei Tage nach meiner Ankunft in Tansania wurde ein drei Monate altes Baby in das Waisenhaus gebracht», erinnert sie sich an ihre Zeit in Afrika. «Sein Zustand war äusserst kritisch, das kleine Mädchen atmete nur flach, es lag bereits im Sterben.» Nuru war der Name des Kindes. Die Mutter war während der Geburt gestorben. «Die Nachbarn fanden Nuru neben der toten Mutter, noch an der Nabelschnur. Es war ein Wunder, dass sie ihre Geburt überlebt hat.»,

Als Nuru im Waisenhaus ankam, war für die junge Volontärin sofort klar, dass das Kind in das nächste Spital gebracht werden muss. Ihre Stimme wird auch vier Jahre später leiser als sie davon erzählt. «Aber der Direktor bestand darauf, dass wir die Vorgaben befolgen. Wir mussten zuerst um Erlaubnis bitten, Nuru zu verlegen, denn ohne Bewilligung durfte sie das Waisenhaus nicht verlassen.» 

Beherztes Eingreifen

Einen weiteren Tag abwarten? Milena nahm die Dinge selbst in die Hand. «Ich bat die anderen Volontäre, die Ärzte abzulenken. Dann wickelte ich Nuru in ein grosses Tuch, nahm den nächsten Bus und fuhr direkt zu einem Krankenhaus.» Dort bekam sie die Medikamente. Milena Schaller hatte sich über ein paar Regeln hinweggesetzt und konnte das kleine Leben retten. Und dank ihrer Ausbildung konnte sie Nuru im Waisenhaus medizinisch weiter versorgen.

«Es war so toll, zu sehen, wie Nuru jeden Tag gesünder und stärker wurde. Es war klar, dass das kleine Mädchen leben wollte. Jede Zelle von ihr wollte leben.» Milena Schaller strahlt für einen kurzen Moment. Fortan waren sie und Nuru unzertrennlich. «Nuru war immer dabei.» 

Bis zu dem Tag, an dem das Praktikum im Waisenhaus zu Ende war. Zunächst arbeitete sie in einem nahegelegenen Spital, besuchte Nuru oft. «Irgendwie war allen klar, dass Nuru mein Kind war», sagt sie. Im November 2012 schliesslich war auch das Praktikum im Spital zu Ende, und damit ihr Aufenthalt in Tansania. «Als ich ging, hatte ich keine Zweifel, Nuru wiederzusehen. Gesund und munter.» Sie reiste nach Indonesien. 

Keine vier Wochen später erhielt Milena eine SMS von einem der Ärzte. «‹Nuru ist gestorben›». Es war der 24. Dezember. «Im ersten Moment wollte ich mit ihr zusammen sterben. Ich wollte nicht, dass Nuru auf ihrer letzten Reise alleine ist. Ich fühlte mich leer und schuldig. Aber dann wurde mir klar, dass ich etwas tun kann. Damit das nie wieder
passieren wird». 

Licht ins Dunkel bringen

Noch in Indonesien ruft sie ihren Vater an. Sie erklärte ihm, dass sie Kindern und Müttern in Tansania helfen wolle. «Er riet mir, eine Stiftung zu gründen. Nur fünf Minuten nach unserem Gespräch schrieb er in einer E-Mail: ‹Ich denke, du kennst bereits den Namen für die Stiftung …›»

Nuru bedeutet Licht. Die Stiftung Nuru soll den oft dunklen und beschwerlichen Pfad der Mutterschaft in Tansania erhellen, hofft Milena Schaller. Sie soll helfen, Schwangerschaften und Geburten sicherer zu machen. Von 100 000 schwangeren Frauen sterben gemäss dem Kinderhilfswerk Unicef in Tansania jährlich 454 an den Folgen von Komplikationen. In der Schweiz sind es weniger als zehn Frauen. Statistisch gesehen muss in Tansania eine von 220 Familien den Tod der Mutter noch während der Schwangerschaft verkraften. In der Schweiz betrifft es eine von 12 500 Familien. Davon wusste Milena Schaller im Dezem- ber 2012 noch nichts.

Startkapital und Projektpartner

Nach der Entscheidung, eine eigene Stiftung zu gründen, besuchte sie andere Organisationen. Sie wollte sich einen Überblick erschaffen, was überhaupt möglich ist. Nach und nach wurde klar: Das Ziel ist, in Tansania ein Geburtshaus zu betreiben. Doch dazu war Geld nötig. 

«Ich brauchte damals 50 000 Franken. Ich war 21, hatte nichts. Und wer traut schon einem Mädchen, das Träume mindestens gleich oft wechselt wie seine Socken.» Milena Schaller lacht. Es dauerte noch einmal sechs Monate, bis sie von Freunden und Bekannten genügend Geld gesammelt hatte. Aber es gelang. Im Sommer 2014 konnte Milena Schaller die Stiftung Nuru in der Schweiz gründen; mit Stiftungsrat, und allem, was dazu gehört.

In den darauffolgenden zwei Jahren suchte Milena Schaller einen tansanischen Projektpartner und einen Platz für das Geburtshaus. Den Projektpartner fand sie in der Person von Edward Komu. Komu hatte in Dänemark und Tansania Medizin und Management studiert, verbindet sozusagen beide Welten.  

Im Mai 2016 konnte das Geburtshaus eröffnet werden. «Die Eröffnung war grandios. Nuru lebte an diesem Tag. Das spürte ich», sagt Milena im Herbst 2016, an dem kleinen Tischchen im Restaurant.

Warten auf die Bewilligung

Zwei Monate später ist in Dar Es Salaam wenig von dieser Aufbruchstimmung zu spüren. Das Gesundheitszentrum ist offen, die roten Wände und der gelbe Balkon leuchten inmitten der kleinen grauen Häuser und Läden. Im Gebäude ist es kühl, ein japanischer Film flimmert über den Fernseher im Wartezimmer. Es ist ruhig, die gelb-weiss gestrichenen Wände warten zusammen mit den 18 Mitarbeitenden auf Kunden. Noch dürfen Edward Komu und sein Team keine Geburten begleiten. «Die Bewilligung fehlt noch», seufzt Komu. Immerhin können sie die Apotheke betreiben. Und zwei Ärzte haben bereits Sprechstunden.

Ein halbes Jahr später sitzt Milena Schaller im Tibits am Hauptbahnhof Bern vor einem Bier. Sie ist zufrieden. Im Februar war sie wieder in Tansania. «Jetzt haben wir alles.» Die Regierung hat die Bewilligung erteilt, die ersten Frauen konnten schon im Geburtshaus entbinden. «Wir sind gut ausgelastet, Edward arbeitet sehr viel», lacht sie. 

Im Februar 2018 wird sie wieder nach Tansania fliegen. Dieses Mal für ein halbes Jahr. Sie wird als Praktikantin in ihrem Geburtshaus arbeiten und damit ihre Ausbildung zur Hebamme abschliessen. Ausserdem muss sie wieder Geld sammeln; 170 000 Franken sind es dieses Mal. Für ein weiteres Gebäude. Damit Nuru in den Kindern von Suaumo, Agnes und vielen anderen tansanischen Familien weiterleben kann.

Weitere Informationen:

 www.stiftungnuru.ch

Tansania

Tansania liegt in Südostafrika und ist bekannt für die Serengeti und den Ngorongoro-Krater. Das Land zählt rund 50 Millionen Einwohner, ist 25-mal grösser als die Schweiz und gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Zugleich ist Tansania ein sehr junges Land: Zwei Drittel der Bevölkerung sind noch nicht 35 Jahre alt.

Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum ist die Hafenstadt Dar Es Salaam. Hauptstadt und Parlamentssitz ist Dodoma.

 

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