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Interview mit Yvonne Schärli: «Unsere Politik braucht Vielfalt»

Frauen sind in der Politik untervertreten. «Erst wenn Frauen den Sinn einer Aufgabe sehen, engagieren sie sich», sagt Yvonne Schärli, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen. Sie kennt den politischen Alltag aus 24 Jahren Praxiserfahrung.


Publiziert: 03.10.2019 / 16:20

Frau Schärli, wie sieht ihr Wunsch-Wahlergebnis aus?

Yvonne Schärli: Was den Frauen-Anteil betrifft, ist es ganz klar halbe-halbe. Die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen hat die gleichnamige Kampagne bereits letztes Jahr am internationalen Tag der Frau mit einem Videospot gestartet. Darin sprechen aktive Politikerinnen aus sieben Parteien über ihre Arbeit.

Ist «halbe-halbe» realistisch?

Das will ich mir nicht überlegen. Wir haben ein Ziel und das heisst halbe-halbe. Auf einzelnen Listen ist der Frauenanteil bereits bei 50 Prozent.

Generell ist 2019 der Anteil an Kandidatinnen höher als im Jahr 2015 ...

Das ist ein Riesenschritt. Wir hatten in den 70er-Jahren einen ersten Anstieg und nochmals in den 90ern, verstärkt durch die Nicht-Wahl von Christiane Brunner in den Bundesrat. Dann ist das Interesse an der Thematik ziemlich eingeschlafen.

Weshalb sank das Interesse?

Bis in die 2000er-Jahre fand die Bevölkerung, wir hätten mit einem Anteil von 20 bis 30 Prozent genug Frauen in der Politik. Oder «Wir haben eine Frau in der Regierung. Das reicht.» So habe ich das in Luzern erlebt. Ich war zwölf Jahre lang die einzige Frau im Regierungsrat.

Was hat sich geändert?

Das Thema ist aus verschiedenen Gründen wieder aktuell. Es kamen zum Beispiel in einigen Regierungen der Welt klassische Macht-Männer ans Ruder. Eine ganze Reihe von prominenten Frauen steht dazu, feministisch zu sein. Gewalt gegen Frauen und sexuelle Übergriffe sind keine Tabuthemen mehr. Die Medien greifen all diese Teilaspekte auf, das ist wichtig. Man redet darüber. Die Zeit war offenbar reif für Kampagnen wie «MeToo» oder «Helvetia ruft».

Wer steht hinter der Kampagne «Helvetia ruft»?

Dahinter steht nicht nur eine Partei, sondern ein breites überparteiliches Unterstützungskomitee. Die Kampagne geht das Thema Frauenpartizipation zeitgemäss an, unter anderem via Social Media. Das spricht auch jüngere Frauen an.

Warum ist das Thema Partizipation für junge Frauen immer noch relevant?

Ich denke dabei an junge Frauen wie unsere Tochter. Sie haben die Ausbildung abgeschlossen, doch mit 30 stehen sie vor der Herausforderung, wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. Plötzlich fragen sich diese Frauen: «Was ist denn los? Ich konnte lernen, was ich wollte, bin da und dort aktiv. Aber wie soll das mit der Vereinbarkeit gehen?»

Wo hapert es dabei noch?

Zwar haben Teile der Wirtschaft erste Schritte gemacht. Sie hat sich geoutet: Ja, wir wollen, dass sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen. Doch weiter ist man noch nicht. Das Ganze ist wie ein Puzzle. Nun hat die Thematik wieder eine gewisse Priorität bekommen. Die Forderungen nach besseren Rahmenbedingungen stehen im Raum.

Wären wir mit mehr Frauen in der Politik schon weiter?

Frauen machen es in der Politik nicht besser, aber anders. Dieses «anders» hat ganz stark mit der Sozialisierung zu tun. Als Frau geht man einen anderen Weg. Man wählt 
andere Berufe. Man macht andere Art von Freiwilligenarbeit, gerade auch in den Dörfern. Dazu kommt die Tatsache, dass viele Frauen immer noch den Hauptteil der Familienarbeit tragen. All diese Aspekte verändern jede politische Debatte in einem Gremium.

Wie zeigt sich das?

Ich habe das zum Beispiel im Gemeinderat von Ebikon erlebt, als es um Verkehrswege und die Sicherheit von Kindern ging. Man kann so eine Situation ganz verschieden betrachten. Bewege ich mich zum Beispiel mit dem Auto oder mit dem Velo von A nach B? Wie viele Kinder gehen dort über die Strasse? Gibt es dort überhaupt Kinder? In solche Fragen spielen ganz verschiedene Gesichtspunkte hinein. Die Politik braucht Vielfalt. Das ist wichtig. Aber es kommt noch ein zweiter Punkt dazu.

Welcher Punkt?

In der Politik sind Frauen unabhängiger in ihren Entscheidungen. Das habe ich in Luzern auf Kantons- und auf Gemeindestufe deutlich erlebt.

Warum sind Frauen dort unabhängiger?

Sie sind in weniger Netzwerke eingebunden. Wenn man nicht in einem Wirtschaftsverband ist, oder bei den Schützen oder im Vorstand des Fussballvereins, muss man auch weniger Rücksicht nehmen. Und selbst wenn die Frauen gut vernetzt sind, wie ihnen zu Recht immer empfohlen wird, habe ich sie trotzdem als unabhängiger erlebt.

Wie ist das im eidgenössischen Parlament?

In Bern vermisse ich diese Unabhängigkeit. Dort bekommen die Männer und Frauen im Parlament von verschiedenen Seiten Anfragen und setzen in der Folge entsprechend thematische Schwerpunkte.

Warum zögern Frauen oft, in die Politik einzusteigen?

In der Politik müssen Frauen meist erst den Sinn hinter dem Ganzen sehen. Denn in aller Regel haben sie Mühe mit fixen Strukturen. «Eine Partei, ein Vorstand, ein Präsidium? Muss ich dort wirklich mitmachen?» Doch Politik definiert unser gesellschaftliches Zusammenleben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ist ihnen das bewusst, erleben Frauen die Sinnhaftigkeit der Politik, egal auf welcher Stufe.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich habe viele Frauen angeworben. Erst mal haben sie oft abgewunken: «Oh je, dann müsste ich ja ein Gesetz beraten.» Doch jedes Gesetz hat einen Zweckartikel. Dort drin zeigt sich: Warum machen wir das eigentlich. Für wen? Was bedeutet das? Wenn sie so den Sinn in der politischen Arbeit sehen, blicken Frauen über die starren Strukturen von Parteien und Verwaltung hinaus. Wichtig ist aber, dass sie langsam eingebunden werden.

Warum ist das wichtig?

Frauen bleiben zurückhaltend, wenn man sie gleich in einen Vorstand einbinden will oder sie ein Amt übernehmen sollen. Oft trauen sie sich auch weniger zu. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kommt oft erst, wenn sie ein bestimmtes Thema sehen und finden, «Ja, dazu habe ich etwas zu sagen.»

Werden Frauen in der Politik skeptischer betrachtet als Männer?

Sie werden stärker beobachtet und stärker kritisiert, nicht nur in der Politik. Noch immer wird an ihrer Belastbarkeit gezweifelt. Als Regierungsrätin musste ich zum Beispiel eine grosse Polizeikrise bewältigen. Das erste, was im Raum stand, war: «Schafft sie das überhaupt? Geht das mit der Belastung?» Bei einem Mann setzt man das einfach voraus.

Warum werden Frauen kritischer betrachtet?

Weil es immer noch weniger Frauen als Männer in der Politik gibt, sind sie weniger selbstverständlich. Sie  sind noch in der Minderheit. Doch im Jahr 2010 hatten wir erstmals vier Frauen im Bundesrat. Wenn solche Situationen selbstverständlicher werden, dann geht es vermehrt nur noch um die Kompetenz der Person im Amt. Nicht darum, ob es ein Mann oder eine Frau ist.

Wie stark werden Äusserlichkeiten kritisiert?

Das ist besser geworden, wie eine Studie vor den Wahlen 2015 gezeigt hat. Doch es kommt noch vor. Denken Sie nur an Doris Leuthard und die Kommentare zu ihrem Kleid mit den Löchern. Ich habe es ebenfalls erlebt. Ich hörte kurz nach der Wahl in den Regierungsrat auf, mir die Haare zu färben. Gleich hiess es: «Im Amt ergraut.» Ein andermal war ich auf einem Regierungsfoto mit einer leicht geöffneten Faust zu sehen. Sofort kam die Frage, ob das eine versteckte Aggression sei, weil ich als einzige Frau und einzige Linke in der Regierung war.

Wie lernt man, mit Angriffen umzugehen?

Fakt ist: Man wird heute stärker angegriffen als früher. Man wird zum Beispiel via Social Media verunglimpft. Die Leute wettern nicht nur daheim, sondern lassen ihrem Frust auch in der Öffentlichkeit freien Lauf. In solchen Situationen muss einem klar sein, dass hier nur das Amt oder die Funktion angegriffen werden, nicht die Person.

Fällt es Frauen schwerer, sich abzugrenzen?

Ich spreche nicht gern davon, dass Frauen etwas nicht so gut können. Ich spreche lieber von Sensibilisierung. Man muss die Frauen in ihrer politischen Arbeit unterstützen. Wenn sie sich nicht alleingelassen fühlen, auch nicht in einer Partei, dann gehen Frauen mit Belastungen gut um. Bekommen sie diese Unterstützung, sind sie sehr verlässlich, auch wenn es mal hart wird.

Was muss man als Frau für ein Amt mitbringen? 

Frau wie Mann muss eine Affinität für unser Staatssystem haben. Die Idee hinter unserer Demokratie ist, dass wir alle miteinander die Gesellschaft der Schweiz gestalten. In der Politik geht es also darum, für etwas da zu sein. Es geht weniger um sich selber. Man gibt etwas. Man muss in Kauf nehmen, dass es Hartnäckigkeit und Wiederholungen braucht. Dass man auch mal stecken bleibt und es dann vielleicht ein paar Jahre später wieder probiert. Und es braucht Freude für das, was man tut.

Yvonne Schärli

Yvonne Schärli war 24 Jahre lang für die SP im Kanton Luzern politisch tätig. Zwölf Jahre amtete sie als Regierungsrätin und leitete das Justiz- und Sicherheitsdepartement. 2015 trat sie zurück.

Heute ist die 67-Jährige in verschiedenen Vorständen ehrenamtlich aktiv. Zudem ist sie seit 2016 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen. Sie ist Mutter von drei Kindern und Grossmutter von drei Enkelkindern, die sie gemeinsam mit ihrem Mann regelmässig hütet.

Websites zu Frauen und Wahlen

Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

www.helvetia-ruft.ch

www.parlament.ch/de/ueber-das-parlament/politfrauen

www.landfrauen.ch

 

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