Haben Sie noch kein Abo von FrauenLand?
Ein Produkt auswählen und bestellen

Sie sind bereits FrauenLand-Abonnent - haben aber noch kein Online-Login?
Die sofortige Freischaltung anfordern

Haben Sie Ihr Passwort vergessen?
Passwort vergessen

Haben Sie Fragen?
Infohotline: 031 958 33 33
Montag bis Freitag 8:00 - 17:00 Uhr

Haben Sie noch kein Abo von FrauenLand?
Ein Produkt auswählen und bestellen

Sie sind bereits FrauenLand-Abonnent - haben aber noch kein Online-Login?
Die sofortige Freischaltung anfordern

Haben Sie Ihr Passwort vergessen?
Passwort vergessen

Haben Sie Fragen?
Infohotline: 031 958 33 33
Montag bis Freitag 8:00 - 17:00 Uhr

Demenz – ein Abschied auf Raten

Wir werden immer älter und damit steigt auch die Zahl der Demenzerkrankungen. Rund die Hälfte der Betroffenen werden daheim von Angehörigen gepflegt. Eine Aufgabe, die Ehepartner oder auch Kinder oft an ihre Grenzen bringt.


Publiziert: 23.02.2017 / 11:22

 Sehr schwer war die Übergangszeit, bevor wir eine klare Diagnose hatten», erinnert sich Dorothea Keller Schorer. Sechs Jahre lang betreute sie zu Hause ihren von Demenz betroffenen Ehemann bis zu dessen Eintritt ins Pflegeheim. «Im Alter von 80 Jahren arbeitete Franz noch regelmässig am Computer. Dann gab es immer mehr Anzeichen, dass irgendwas nicht stimmte.» Das psychotherapeutisch tätige Ehepaar versuchte, die Symptome zu verstehen. Ein umfassendes Gespräch mit einem Facharzt für Neurologie führte zu der wahrscheinlichen Diagnose einer Lewy-Body-Demenz mit Parkinson-Symptomen. 

«Gerade in der Anfangsphase einer Demenzerkrankung lohnt es sich, genau hinzuschauen und die Alltagssymptome zu beobachten», weiss Natalie Hamela, zuständig für Beratung und Schulungen bei der Organisation Alzheimer Schweiz, Sektion Bern. «Zu Beginn versuchen Betroffene oft mit Strategien zu vertuschen, dass sie zunehmend dement werden. Sie möchten ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben.» 

Demenz betrifft auch die Angehörigen

Für Angehörige ist es meist schwer, den Betroffenen oder die Betroffene zu einer Abklärung zu motivieren. Natalie Hamela: «Hilfreich in solch einem Fall ist ein Vertrauensverhältnis zum Hausarzt. Zudem sollte möglichst nichts hinter dem Rücken des Betroffenen arrangiert werden. Besser ist möglichst transparent zu bleiben.

Reagiert der Betroffene auf den Verdacht ‹Demenz› mit Abwehr, helfen manchmal Formulierungen wie: ‹Ich bin besorgt um deine Gesundheit. Und ich möchte helfen abzuklären, ob nicht andere Ursachen für deinen Zustand verantwortlich sind.› Auf keinen Fall auf Verdacht handeln, es braucht eine klare Diagnose um andere Krankheiten auszuschliessen, deren Symptome den der Demenz ähneln.» 

Ein Mini-Mental-Test beim Hausarzt oder ein umfangreicherer, zweitägiger Test in einer Memoryklinik können Klarheit bringen. Doch selbst wenn der erste Test positiv ist, braucht es sechs Monate später einen zweiten. 

Ein neuer Lebensabschnitt

Dorothea Keller Schorer und ihr Mann Franz passten ihre Wohnung ihren veränderten Lebensumständen an. «Ein Rollator und ein Rollstuhl gehören zu unserem Inventar», notierte sich Dorothea Keller Schorer in ihren Aufzeichnungen. «Glücklicherweise kann Franz jeden Tag noch eine halbe Stunde gehen.» Sie begann damals ihre Erlebnisse und Gedanken in dieser neuen Lebensphase schriftlich festzuhalten. «Für Franz und alle Menschen, die in vergleichbaren Situationen leben». 

Mit der Zeit verlor Franz Schorer die Fähigkeit zu gehen und zu stehen, war immer mehr auf die Hilfe seiner Frau angewiesen, um durch den Tag zu kommen. In der Nacht konnte er in der Regel gut schlafen. Selten lag er erzählend im Bett und wenn er die Worte nicht fand, begann er zu singen. Trotz Unterstützung durch die Spitex verlangte die Betreuung seiner Frau sehr viel ab. «Ich kam an meine Grenzen. Die Rollen in der Partnerschaft fallen weg, das Gegenüber fällt weg. Geholfen hat, wenn wir in einer vertrauten Umgebung waren und wenn ich eine Unternehmung finden konnte, die uns beiden Spass machte – oder zumindest mir. Das gab eine gute Atmosphäre».

Nicht nur die Defizite sehen

«Viele Angehörige kommen an ihr Limit. Und gönnen sie sich doch etwas Erholung ohne den Kranken, plagt sie ein schlechtes Gewissen», weiss Natalie Hamela aus Erfahrung. Alzheimer Bern bietet unter anderem telefonische und persönliche Beratungen sowie Gesprächsgruppen für Angehörige an. «Doch geht es einem selbst gut, überträgt sich das auch auf den Demenzbetroffenen.» Zudem sollten sich beide Seiten ganz genau überlegen, ob der Ehepartner wirklich die Helferrolle übernehmen soll. «Man darf auch Nein sagen.»

Wichtig sei, sich nicht auf die Defizite der Betroffenen zu konzentrieren, sondern wahrzunehmen, was noch geht. «Musik, zum Beispiel, kann ein Schlüssel sein. Oder Lesen. Es lohnt sich auszuprobieren, ob sich noch vorhandene Fähigkeiten nutzen lassen. Den Demenzbetroffenen zum Beispiel an Haushaltarbeiten beteiligen. Dabei hilft es, ganze Handlungsabläufe in einzelne Schritte zu unterteilen.»

«Jeder Tag war anders», erinnert sich Dorothea Keller Schorer. «An manchen Tagen konnte ich ihn im Rollstuhl spazieren fahren, oft gingen wir auswärts essen oder sogar in ein Konzert. An anderen Tagen ging gar nichts. Meine Aufgabe war, achtsam zu sein und Franz dort abzuholen, wo er gerade war.» 

Eine andere Wahrnehmung

Dazu kam, dass ihr Mann in der  Demenz reale Vorkommnisse anders erlebte als sie. «Als einmal Apfelkerne im Bett lagen, sah er in ihnen Spinnen. Ich wusste, diskutieren bringt nichts, also sagte ich ihm: ‹Dann ist das für dich so, ich sehe das etwas anders›. Bei Halluzinationen half es zu sagen, dass die Dinge oder Personen, die er sah, ihm nichts anhaben können.» Herausfordernde Situationen ergaben sich auch bei der Körperpflege, die bei Franz Schorer manchmal Angst auslöste. «Es war schwierig auszuhalten, dass selbst umsichtige Pflege für die geliebte Person Schmerzen bedeuten kann.»

«Demenzbetroffene verlieren die Fähigkeit, Dinge und Gedanken zu verknüpfen und verhalten sich eigenwillig. Doch nicht, weil sie die Betreuungsperson ärgern wollen», sagt Natalie Hamela. Das gilt auch für aggressives Verhalten. «Solch ein Verhalten ist bei Demenzbetroffenen oft eine Reaktion auf etwas, das nicht stimmt. Meist steckt ein Grund dahinter, zum Beispiel Angst oder Schmerz. Demenzbetroffene haben oft eine veränderte Wahrnehmung und können Dinge nicht mehr richtig einordnen, oder haben Mühe mit der Kommunikation.»

Von Moment zu Moment

Für Dorothea Keller Schorer und ihren Mann gab es neben den schwierigen Tagen auch immer wieder schöne Momente und innige, gemeinsame Erlebnisse. «Zentral war die Einstellung, Zeit zu haben, für das, was kommt», sagt die Psychotherapeutin. Ihr Mann sagte ihr immer wieder, wie lieb er sie hatte, bedankte sich für ihre Hilfe und versuchte zu trösten, wenn die Situation sie beinahe überforderte. «Doch das Wissen, dass es einfach nicht besser wird, war sehr schwer auszuhalten. Unsere langen Spaziergänge erlaubten mir immer wieder, auch ein Stück Trauerarbeit zu leisten. Ich erlebte mit Franz einen Abschied auf Raten.»

 «Demenz ist ein Spiegel unserer Gesellschaft», so Natalie Hamela. «Wir lernen von den Demenzkranken, Freude an kleinen Dingen zu haben und im Moment zu leben», ergänzt Dorothea Keller Schorer. «Ich kaufte Franz zum Beispiel hin und wieder ein schickes neues Hemd, weil ihm das gefiel. Ich dachte dabei nie, das lohnt sich nicht mehr.» Positiv erlebte sie den Umgang mit Service- und Verkaufspersonal.

Nicht einfach waren manchmal die Kontakte mit Freunden. Natalie Hamela wünscht sich eine demenzfreundliche Gesellschaft, in der man offen und präsent für die Bedürfnisse der Betroffenen im Hier und Jetzt ist, auch an öffentlichen Orten wie Restaurants oder Läden. Mehr Offenheit im Umgang mit Demenz könnte zudem die Scheu vor frühzeitigen Abklärungen kleiner werden lassen. «So kann man sich auf die neue Lebensphase einstellen, länger selbstständig bleiben und einiges vorbereiten, zum Beispiel eine Patientenverfügung ausfüllen oder einen Vorsorgeauftrag erteilen.»

Weitere Informationen: 

Alzheimer Schweiz

 

Mehr Demenzerkrankungen

Rund 119 000 Menschen in der Schweiz leben heute mit Demenz. Jedes Jahr, so schätzt man, kommen 28 000 Neuerkrankungen dazu. Laut einer Studie des Bundes werden es im Jahr 2050 rund 300 000 Demenzkranke sein. «Bereits heute generieren Demenzkrankheiten gesellschaftliche Kosten von rund sieben Milliarden Franken», schreibt Alzheimer Schweiz. «Knapp die Hälfte davon betrifft die unbezahlte Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen durch Angehörige.»

Mit Demenz bezeichnet man ein Krankheitsbild, «das meist als Folge einer chronisch fortschreitenden Erkrankung des Gehirns auftritt und sich durch eine Störung von mehreren Hirnleistungsbereichen äussert.» Dazu gehören Aufmerksamkeit, Sprache, Lernen und Gedächtnis, Planen, abstraktes Denken, strategisches Denken, Wahrnehmungen und Fähigkeiten mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Alzheimer ist dabei die häufigste Demenzerkrankung, rund die Hälfte aller Patienten sind davon betroffen. 

Demenz kann jeden treffen. Einige Risikofaktoren der Krankheit, wie Alter oder Genetik, lassen sich nicht beeinflussen. Ein gesunder Lebensstil reduziert allerdings das Risiko, an Demenz zu erkranken. Dazu gehört ein Verzicht aufs Rauchen, ein normales Körpergewicht, eine gesunde Ernährung, regelmässige körperliche Aktivitäten, Pflege der geistigen Fitness und der sozialen Beziehungen. «Je eher im Leben und je länger diese vorbeugenden Massnahmen umgesetzt werden, umso wirkungsvoller dürften
sie sich erweisen.»

Beginnende Demenz oder nur Vergesslichkeit?

Eine Demenz beginnt schleichend. Zu Beginn sind es kleine Vorkommnisse, die einen stutzig machen und verunsichern können.
Zum Beispiel: 

  • Man vergisst Vorkommnisse, die erst kürzlich stattgefunden haben. Was habe ich heute Mittag gekocht? Worum ging es vorhin im Gespräch mit der Nachbarin?
  • Geläufige Worte wie «Haustüre», «Pastetli» oder «Lenkrad» fallen einem plötzlich nicht mehr ein, man umschreibt sie umständlich. 
  • Man verläuft oder verfährt sich selbst auf vertrauten Wegen, zum Beispiel zum Haus der Tochter, die seit 20 Jahren am selben Ort wohnt. 
  • Man schafft es nicht mehr, Routineaufgaben zu erledigen, zum Beispiel Einzahlungen zu machen. 
  • Man benimmt sich unangemessen, gibt zum Beispiel einem freundlichen Kellner 100 Franken Trinkgeld. 
  • Man verlegt Dinge und befürchtet dann, jemand wolle einen bestehlen. Zum Beispiel legt man die Armbanduhr am Abend in die Sockenschublade, statt aufs Nachttischchen.
  • Es fehlt der Antrieb für das bisher heiss geliebte Hobby oder für Körper- und Haushaltspflege. 

Treten mehrere dieser möglichen Warnzeichen auf, lohnt sich eine genauere Abklärung bei der Hausärztin oder beim Hausarzt. Zwar gibt es bei Demenz keine Heilung, doch Medikamente können die Krankheit verlangsamen und Begleitsymptome mildern. Eine Früherkennung ermöglicht längere Selbstständigkeit und mehr Lebensqualität. Und es bleibt einem genügend Zeit, sich auf ein Leben mit Demenz einzustellen. 

Buchtipp

Pauline Boss:
Da und doch so fern.
Vom liebevollen Umgang mit Demenzkranken

Rüffer & Rub, 240 Seiten, Fr. 36.–

 

 

 

Werbung
Werbung
Verwandte Themen
Kommentar erfassen
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Folgen Sie uns